des Reiters Freud, des Partners Leid  

 

Geheimsprache der Reiter 

 

 
  Ich habe einen großen Rückstand, den ich wahrscheinlich nie mehr einholen werde. Meine Frau hat sich, Ponys striegelnd, seit ihrem sechsten

Lebensjahr einen festen Platz in der Pferdewelt erobert: eine Woche lang striegeln und die Ställe fegen, für eine knappe Viertelstunde auf

einem störrischen Shetlandpony reiten, das zu blöd für die normalen Reitschulkunden war. Eine solche Jugend hinterlässt ihre Spuren.

 Manchmal kann sie plötzlich, ohne ersichtlichen Grund, von einer normalen Konversation in eine unverständliche Geheimsprache wechseln.

Und meistens geschieht es, wenn ein Pferd ins Spiel kommt. Es begann mit dem Pferd, das ich ihr seinerzeit gekauft hatte, weil ich dachte,

dass sie dann beschäftigt wäre und endlich damit aufhören würde, mich ununterbrochen mit allem Wissenswerten – und Nichtwissenswerten  –

über Pferde zu versorgen. Dem Verkäufer zufolge hatte das Pferd „ein gutes Vorderbein“. Schön, aber um welches Vorderbein geht es, und

was ist mit dem anderen? Und wie ist es um die beiden Hinterbeine bestellt? Meine Frau fragte ihn dann, ob er ihn „unter dem Sattel“ geritten habe?

In meinem Kopf fertigte ich rasch eine gedankliche Skizze an und es schien mir in der Tat die praktischere Art zu reiten: man selbst auf dem Sattel

und das Pferd darunter. Das lerne ich schon, dachte ich, und in der Tat: Bald wusste ich, dass sie mit „Schabracke“ nicht unsere Nachbarin

meinte und dass ein Pferd, wenn es „rossig“ ist, einem so nett zuzwinkern kann – mit dem Hinterteil. Und „Versammeln“ bedeutet nicht, dass sich

die Pferde aus der Umgebung bei uns zum Meinungsaustausch treffen – zum Glück, denn wir haben nur anderthalb Boxen –, sondern es sagt

etwas über die Art, wie das Pferd läuft. Man kann reserviert oder hochmütig laufen, ein Sprinter kann erschöpft laufen und ein Motor läuft

nur schlecht im Leerlauf. Und so kann ein Pferd eben versammelt laufen. Aber so viel ich auch dazulernte – Hufrolle, Kolik, Gamaschen, Stockmaß

– als die Reiterei anfing, habe ich die Sache definitiv aufgegeben. Ich schlenderte zum Reitplatz, wo ich meine Frau verzweifelt auf dem Gaul

herumdribbeln sah. „Er fällt komplett auseinander!“, rief sie mir vorwurfsvoll zu. Ich musste das kurz verarbeiten und fragte mich, ob dieser

verborgene Mangel unter die Gewährleistung fällt. Denn mir kam es ziemlich ungewöhnlich vor. Pferde werden schon einmal krank oder sterben,

doch, soweit ich weiß, meist im Stück und nicht in Teilen. Später, abgesattelt und nach dem rituellen „Ich höre damit auf! Definitiv!“  

werden mir dann alle Details noch einmal haarklein erläutert. „Er gibt nicht nach und immer wenn ich die Hand wechsle, fällt er über die Schulter aus.“

 „Wäre es dann nicht eine gute Idee“, liegt es mir auf der Zunge, „die Hand einfach nicht zu wechseln?“ Ich spreche es jedoch nicht aus, da ich mir

darunter wirklich nichts vorstellen kann. Doch es geht noch schlimmer. „Und wenn er endlich seinen Kopf fallen lässt, verliert er die Beine!“

Verzweifelt sehe ich sie an. So sieht es also aus, wenn ein Pferd auseinander fällt! Muss ich jetzt in der Dunkelheit los, um auf dem

Reitplatz verlorene Köpfe und Beine zu suchen? Später im Auto, auf dem Weg zu einem Pferdesportgeschäft, um eine atmungsaktive Satteldecke

zu kaufen, vertraut sie mir an, dass sie demnächst einmal eine Weile „vorwärts-abwärts“ reiten werde. Ich stimme dem von Herzen zu, da ich

mindestens die Hälfte verstehe: „Vorwärts“, da sieht man jedenfalls, wo es hingeht, und „abwärts“ scheint mir ungefährlich, solange man nicht

im Flugzeug sitzt und plötzlich die Sauerstoffmasken aus den Sicherungsklappen fallen. Abends im Bett murmelt sie, müde und kurz bevor

sie in den Schlaf sinkt: „Morgen werde ich ausreiten.“ Wahrscheinlich ist das die Phase, die nach dem Einreiten kommt, und das scheint mir ein

großer Schritt nach vorn zu sein. „Da komme ich mit“, versichere ich ihr – schließlich muss ich ihr doch beistehen. „Wirklich?“, fragt sie erfreut.

 „Auf dem Fahrrad?“ Sie schläft längst, als ich noch immer darüber nachgrübele.

„Auf dem Fahrrad“, was das wohl wieder in der Pferdesprache bedeutet?!